Stählerne Zeitzeugen einer prägenden Industrie

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte (12.09.2007)

3 Teil: Industriepfad auf dem Hüttengelände soll die 150-jährige Industriegeschichte in Ilsede erlebbar machen/Eröffnung des Rundwegs Mitte Oktober

Von Christian Opel

Der rostige Waggon in der Nähe des Busbahnhofes ist ein Erinnerungsstück – ein ziemlich schweres. Massive Eisenblöcke liegen vor dem Schlackenpfannenwagen. Als die Hochöfen auf dem Ilseder Hüttengelände noch in Betrieb waren, wurde die Schlacke mit 32 Pfannenwagen in die Schlackenverwertung in Groß Bülten gebracht. Heute ist einer davon Teil des Industriepfades.

Ilsede. Fünf Jahre Arbeit hat der Förderverein Haus der Geschichte investiert, um die Industriegeschichte in Ilsede erlebbar zu machen. Entlang des drei Kilometer langen Rungwegs sind 20 Stationen aufgebaut, die an die früheren Betriebsstätten erinnern. Großbanner zeigen das Hochofenwerk zur Zeit der 70er Jahre.

Wer den Schlackenpfannenwagen hinter sich lässt und den Pfad auf das Hochofenplateau betritt, sieht vor sich einen stählernen Koloss. Der Kugelwasserturm ist das wohl markanteste verbliebene Zeichen des Hüttengeländes und bildet Station 6 des Industriepfades. Die Kugel speicherte 1200 Kubikmeter Wasser. Die Menge diente als Notversorgung und reichte für eine halbe Stunde, um die Hochofen-Armaturen vor Schaden zu bewahren. In der Nähe des Wasserturms, zwischen Umformerstation und Meisterhaus, bilden schwarze Steine einen Kreis. Es sind feuerfeste Kohlenstoffsteine, mit denen der untere Teil des Hochofens ausgekleidet wurde. Sie mussten 2000 Grad Hitze aushalten können. Ein Teil des früheren Stahlpanzers zeigt, wie die Blas- und Kühlelemente angeordnet waren. Die Leistung eines Ofens wurde unter anderem von der Zahl der Blasformen bestimmt, durch die der 1100 Grad heiße “Wind” in den Brennraum geblasen wurde. Wind ist verdichtete Luft, die in den Winderhitzern auf hohe Temperatur gebracht wurde. 

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte-Teil 3 Foto: © PAZ

Damit leitete man den Verhüttungsprozess ein. Weit im Osten des Hüttengeländes ist nur noch eine Rasenfläche zu sehen, Dort stand einst die zeitweise modernste Sinteranlage der Welt, in der Erze “vorgeröstet” wurden. Bis 1983 wurden dort Erzsorten für den Hochofen vorbereitet. Die erste Anlage wurde 1921 errichtet, 1958 entstand dort, wo vorher von der Ilseder Hütte ein Freibad betrieben worden war, eine größere Anlage. 

Ehrgeiziges Projekt: Die frühere Dampfzentrale soll eine Dauerausstellung beherbergen. Im 1898 errichteten Gebäude wurde der erste industriell nutzbare Strom erzeugt. Senkrecht stehende Dampfkolbenmaschinen trieben große Dynamoräder an, die den elektrischen Strom erzeugten. Heute sind noch Turbinenanlagen zu sehen, die 1954 gebaut wurden.  

Das Hochofenwerk der Ilseder Hütte um 1958. Foto: © PAZ
Das Hochofenwerk der Ilseder Hütte um 1958. Foto: © PAZ
Blick auf die Gießhallen der Hochöfen um 1889. Vor den Hallen zertrümmerten die Arbeiter das erkaltete Roheisen. Foto: © PAZ
Blick auf die Gießhallen der Hochöfen um 1889. Vor den Hallen zertrümmerten die Arbeiter das erkaltete Roheisen. Foto: © PAZ
Der 1922 fertig gestellte Kugelwasserturm für 1200 Kubikmeter Wasser. Die Menge galt als Notreserve, um zum Beispiel während eines Stromausfalls größere Schäden an den Kühleinrichtungen der Hochöfen zu verhindern. Foto: © PAZ
Der 1922 fertig gestellte Kugelwasserturm für 1200 Kubikmeter Wasser. Die Menge galt als Notreserve, um zum Beispiel während eines Stromausfalls größere Schäden an den Kühleinrichtungen der Hochöfen zu verhindern. Foto: © PAZ

“Die Hütte hat die Region und die Menschen hier geprägt”, sagt Manfred Vorberg vom Verein Haus der Geschichte. Und Wilhelm Hilker ergänzt: “Der Industrie-pfad ist eine gute Möglichkeit, die Geschichte erlebbar zu machen.” In einer Zeit, in der sich ein reger Industrietourismus entwickele, könne Ilsede mit dem Industriepfad punkten.

Knapp 30 000  Euro wurden in den Industriepfad investiert. “Dafür sind wir nie bei öffentlichen Kassen vorstellig geworden”, erklärt Vorsitzender Hermann Maurer. Der Verein habe sich stets dafür eingesetzt, dass der Pfad durch Spenden finanziert wird. Jetzt ist das Projekt fast abgeschlossen, ein paar Schilder fehlen noch. Man rechnet damit, dass der Rundweg Mitte Oktober eröffnet werden kann.

Vorberg erinnert sich an die Abbrucharbeiten auf dem Ilseder Hüttengelände. “Das hat einen schon sehr geschmerzt”, sagte er. Doch er sei stolz, den nachfolgenden Generationen zeigen zu können, was auf dem Ilseder Hüttengelände einst passierte. “Wir hätten uns nicht vorstellen können, was aus dem Gelände werden kann.”

Die neue Kokerei wird 1930 angefahren. Im Vordergrund rechts sieht man den Löschwagen, mit dem der glühende Koks unter den Löschturm gefahren wurde. Foto: © PAZ
Die neue Kokerei wird 1930 angefahren. Im Vordergrund rechts sieht man den Löschwagen, mit dem der glühende Koks unter den Löschturm gefahren wurde. Foto: © PAZ
Ein Schlackenzug an den Betten im Hochofenwerk. Die im Vordergrund liegenden Hülsen wurden später zerschlagen. Foto: © PAZ
Ein Schlackenzug an den Betten im Hochofenwerk. Die im Vordergrund liegenden Hülsen wurden später zerschlagen. Foto: © PAZ
Die Gebläsehalle um 1920: Fünf gasbetriebene Maschinen erzeugen den Wind für die Hochöfen. Jede Gebläsemaschine erzeugte 35000 Kubikmeter Wind pro Stunde bei einer Druckerhöhung von 0,9 bar. Foto: © PAZ
Die Gebläsehalle um 1920: Fünf gasbetriebene Maschinen erzeugen den Wind für die Hochöfen. Jede Gebläsemaschine erzeugte 35000 Kubikmeter Wind pro Stunde bei einer Druckerhöhung von 0,9 bar. Foto: © PAZ

Bezugsquelle: Text und Fotos stammen aus der Peiner Allgemeine Zeitung (PAZ) Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte. Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe vom 12. September 2007.