Hüttenwerk verlor ein Stück seiner Seele

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte (29.08.2007)

1.Teil: Ehemaliges Casino war gesellschaftlicher Mittelpunkt in Ilsede/Klare gesellschaftliche Trennung galt im Haus/Ärger über Abriss im Jahr 1975

Von Thomas Krüger

Ein Glas Bier kostete 36 Pfennig, eine Cola 40 Pfennig und vier belegte Brote 1,60 Mark – das war in den 50er Jahren. Die ehemalige Hüttengaststätte in Ilsede, genannt Casino, war damals der unangefochtene Mittelpunkt des Ilseder Hüttenwerks.

Ilsede. Das Casino entstand 1902 und befand sich dort, wo heute der Rewe-Supermarkt an der Eichstraße steht. Der Markt wurde 1977 auf dem Gelände des ehemaligen Gesellschaftshauses errichtet. Damals blickte man vom Casino auf die drei blasenden Hochöfen. Rudolf Apel, ehemaliger Leiter des technischen Büros auf dem Hüttengelände, erinnert sich. 

“Es war ein wunderschöner Bau, der direkt gegenüber dem Eingang zur Verwaltung des Hochofenwerkes lag. Das war ein repräsentativer Ort, an dem auch der damalige Hüttendirektor Paul Möllenberg seine hohen Gäste empfing.”

Im Innern gab es laut dem 82-Jährigen drei streng voneinander getrennte gesellschaftliche Bereiche. Den südlichen Trakt, der Direktion und Vorstand vorbehalten war – mit Saal und dem grünen und roten Salon. Als zweites die mittlere Partie des Hauses, die von den oberen “Beamten” und den leitenden Angestellten besucht wurde. Dazu zählte auch die beliebte Kegelbahn, die sich auf dem Hof des Casinos befand und ein Tennisplatz. Und als drittes ein Schankraum, in dem auch der “normale” Hütten-Arbeiter nach der Schicht seinen Durst löschen konnte. Doch Apel schränkt ein: “Für diesen Schankraum gab es einen Seiteneingang in Richtung Bahn, der Haupteingang war tabu. Das hat bereits abgeschreckt, und die wenigsten wollten dort ein Bier trinken, wenn nebenan die Chefs da waren.”

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte-Teil 1 Foto: © PAZ
PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte-Teil 1 Foto: © PAZ

Diese strikte Trennung nach Gesellschaftsklassen mag heute seltsam anmuten, doch damals wurde sie von allen als normal hingenommen. Kritik an dieser Hierarchie und Ordnung gab es nicht. Auch bei der Arbeit zeigte sich der gesellschaftliche Standesunterschied. Während der Vorarbeiter einen Hut, eine Weste und eine Taschenuhr trug, hatte der Arbeiter seine Straßenkleidung und eine schlichte Mütze auf.

Manfred Vorberg, ehemaliger Leiter der Instandhaltung auf dem Hüttenwerk, erklärt: “Nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich einiges im Casino. Der Schankraum wurde geschlossen, und es entstanden Zimmer für Flüchtlinge. Auch in der ersten Etage, wo vorher der Wirt gewohnt hatte und die Gästezimmer waren, zogen nun Flüchtlinge ein.”

Das ehemalige Casino auf dem Ilseder Hüttenwerk in der Weihnachtszeit. Das Foto ist Ende der 60er gemacht worden. Foto: © PAZ
Das ehemalige Casino auf dem Ilseder Hüttenwerk in der Weihnachtszeit. Das Foto ist Ende der 60er gemacht worden. Foto: © PAZ
Blick in den großen Saal des Casinos, dessen Tische bereits für die Gäste eingedeckt sind. Foto: © PAZ
Blick in den großen Saal des Casinos, dessen Tische bereits für die Gäste eingedeckt sind. Foto: © PAZ
Der grüne Salon gehörte zu den repräsentativen Gasträumen, in denen Verhandlungen mit Geschäftspartnern geführt wurden. Foto: © PAZ
Der grüne Salon gehörte zu den repräsentativen Gasträumen, in denen Verhandlungen mit Geschäftspartnern geführt wurden. Foto: © PAZ

Ab 1952 lockerten sich die gesellschaftlichen Regeln, und alle Mitarbeiter durften auch durch den Haupteingang in das Ilseder Casino eintreten. 

Rudolf Apel erinnert sich: “Wir haben damals in den 50er Jahren unseren Kegelklub -Fidele Pumpen- gegründet und trafen uns jeden Donnerstag um 20 Uhr auf der Kegelbahn, um zu kegeln. Der Klub der Ingenieure, der sich auch dort regelmäßig traf, nannte sich -Eisen und Stahl-.”

Und obwohl es damals nur einen Stundenlohnin Höhe von 1,50 Mark gab, gönnten sich die Kegelbrüder Getränke und hin und wieder auch ein Essen aus der Küche des Casinos. “Am beliebtesten war bei uns die leckere Hochofenschnitte, die aus einem Schnitzel, Ananas und überbackenem Käse auf Brot bestand”, erinnert sich Apel. 

In den 60er Jahren verlor dann das Ilseder Casino seine gesellschaftliche Bedeutung, da der Vorstand und die Geschäftsleitung nach Peine umgezogen. Eine neue Nutzung des repräsentativen Gebäudes konnte nicht gefunden werden. 1975 begann dann der Abbruch des Gebäudes, worüber sich viele Ilseder noch heute ärgern. 

“Das Unternehmen hat damit ein Stück Seele verloren, das unwiederbringlich weg ist. Wir waren zwar alle schockiert, aber in der damaligen Zeit wäre niemand auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Das gab es einfach nicht”, erklärt Vorberg. Daher kämpft der Ilseder heute um so energischer für den Erhalt der Dampfzentrale auf dem  Hüttengelände, um die dortige Geschichte lebendig zu halten. “Denn wir dürfen diese Fehler nicht wiederholen, betont er. 

Auf der Kegelbahn, die sich auf dem Hof des Casinos befand, wurde Geselligkeit groß geschrieben. Dort trafen sich abends die Angestellten des Hüttenwerks und ließen es sich gut gehen. Foto: © PAZ
Auf der Kegelbahn, die sich auf dem Hof des Casinos befand, wurde Geselligkeit groß geschrieben. Dort trafen sich abends die Angestellten des Hüttenwerks und ließen es sich gut gehen. Foto: © PAZ
Das Gesellschaftshaus wurde 1975 abgerissen, weil es seinen Nutzen für das Werk verloren hatte. Heute befindet sich ein Supermarkt an dieser Stelle. Foto: © PAZ
Das Gesellschaftshaus wurde 1975 abgerissen, weil es seinen Nutzen für das Werk verloren hatte. Heute befindet sich ein Supermarkt an dieser Stelle. Foto: © PAZ
Im Schankraum wartete der Wirt auf seine Gäste. "Normale" Arbeiter durften den Schankraum bis in die 50er Jahre nur durch einen Seiteneingang betreten. Foto: © PAZ
Im Schankraum wartete der Wirt auf seine Gäste. "Normale" Arbeiter durften den Schankraum bis in die 50er Jahre nur durch einen Seiteneingang betreten. Foto: © PAZ

Bezugsquelle: Text und Fotos stammen aus der Peiner Allgemeine Zeitung (PAZ) Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte. Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe vom 29. August 2007.

Die PAZ schreibt dazu noch folgendes: 

“In unserer neuen Serie “Geschichte der Ilseder Hütte”, die in Zusammenarbeit mit dem Förderverein “Haus der Geschichte” und Zeitzeugen entsteht, beleuchten wir in mehreren Folgen immer míttwochs die Vergangenheit des Hüttenwerks. Es gilt als das “wirtschaftliche Herzstück” unserer gesamten Region, weil keine andere Industrie das Peiner Land so geprägt hat wie der Bergbau und das Hochofenwerk.