"Harter Job, aber sicheres Einkommen"

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte (05.09.2007)

2. Teil: Mit dem Erzbergbau setzte der Wandel vom Agrarland in eine Industrieregion ein/Unter Tage gab es eine klare Hierarchie/Schacht Emilie schließt im Jahr 1976

Von Thomas Krüger

Das Erz befand sich direkt unter der Ackerkrume, beim Umgraben hatte man die Erzbrocken auf der Schaufel. Doch erst um 1850 wurde erkannt, wie wertvoll das harte Steinmaterial für die Gewinnung von Roheisen ist.

Ilsede: Vollkommen verwandelt präsentierte sich die Region um Ilsede in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus einer rein landwirtschaftlich geprägten Gegend wurde ein für die damalige Zeit hochmoderner Industriestandort.

1860 entstand der Abbau der Erze im Tagebau. Der ehemalige Vermessungs-Ingenieur der Ilseder Hütte, Kurt Schoenfeldt, sagt der PAZ: “Auf dem Abbaufeld zwischen Adenstedt und Groß Bülten entstand ein bis zu 45 Meter tiefer Einschnitt auf einer Länge von 800 Metern. Das Erz wurde entlang des Hügels abgetragen und mit Pferdewagen zur Hütte nach Ilsede gebracht, wo es verarbeitet wurde.” Ein Bergmann verdiente 14 Groschen pro Tag im Jahr 1867. Das Problem beim Tagebau: Es musste mit Hacke und Schaufel immer mehr Erde und Gestein abgetragen werden und das Erz im Boden war immer schwieriger zu erreichen. “Daher hat man von 1870 bis 1976 elf Tiefbauschächte gebaut, um besser an den wertvollen Rohstoff zu gelangen”, erklärt der 84-jährige, “ab 1871 hat es dann gar eine Dampflok für den Abtransport auf Loren gegeben.” Die Schächte hatten einen Durchmesser von bis zu sechs Metern und waren bis zu 245 Meter tief. Über Seilwinden zog man das Erz hoch, die Fördermaschinen wurden über Dampf betrieben – ab 1898 dann über Strom.

PAZ-Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte-Teil 2 Foto: © PAZ

Der Groß Bültener ergänzt: “Durch die im Tiefbau gewonnenen Erze entstanden Hohlräume, die aus Sicherheitsgründen mit Sand verfüllt werden mussten. Dieser Sand kam aus den großen Sandgruben in Adenstedt und Handorf, wo sich heute die Seen befinden.”

Der Erzbergbau veränderte die Region grundlegend. Allein in Groß Bülten kamen zu den vormals 300 Einwohnern innerhalb weniger Jahre 1800 Mitarbeiter der Ilseder Hütte dazu. Manfred Vorberg, ehemaliger Leiter der Instandhaltung, sagt: “Es gab natürlich Reibungspunkte zwischen den alteingesessenen Bauern und den vielen neuen Arbeitern aus allen Teilen Deutschlands. Und es mussten neue Wohnungen her. In Groß Bülten wurde zuerst eine Kaserne für Männer gebaut, und ab 1908 entstanden 59 Doppelwohnhäuser in Neu Ölsburg.” Der Wandel von einem reinen Agrarland in eine Industrieregion hatte eingesetzt und ließ sich nicht mehr stoppen. Auch neue Straßen, Brücken und weitere Siedlungen in Klein und Groß Bülten folgten.

Die Schachtanlage Kaiser Wilhelm von oben um 1930. Rechts am Bildrand ist die Haskampsmühle an der Landstraße von Groß Bülten nach Solschen zu erkennen. Foto: © PAZ
Die Schachtanlage Kaiser Wilhelm von oben um 1930. Rechts am Bildrand ist die Haskampsmühle an der Landstraße von Groß Bülten nach Solschen zu erkennen. Foto: © PAZ
Der 1973 gebaute Schacht Emilie nach seiner Fertigstellung als Förderschacht. Foto: © PAZ
Der 1973 gebaute Schacht Emilie nach seiner Fertigstellung als Förderschacht. Foto: © PAZ
Der Tagebau 1/Westen im Jahr 1900. Förderleite hölzerne Erzwagen, die von Schleppern abtransportiert werden. Foto: © PAZ
Der Tagebau 1/Westen im Jahr 1900. Förderleite hölzerne Erzwagen, die von Schleppern abtransportiert werden. Foto: © PAZ

Der Tiefbau wurde immer professioneller, und daher entstanden 1899 der Kaiser-Wilhelm-Schacht auf 63 Meter, 1913 der Gerhard-Schacht auf 130 Meter und 1938 der Schacht Emilie auf 245 Meter Tiefe. Auch die Förderleistung stieg immens: Während ein Arbeiter anfangs drei Tonnen Erz je Schicht förderte, waren es 1964 acht Tonnen, bevor durch die verbesserten Maschinen im Jahr 1975 bereits mehr als 27 Tonnen pro Schicht möglich waren. Alle drei Schächte mussten nacheinander schließen, zuletzt der Schacht Emilie 1976, da das Erzvorkommen nicht mehr ausreichte, und der Eisengehalt des Erzes nur noch unter 30 Prozent lag. Kurt Schoenfeldt, der seit 1938 im Bergbau gearbeitet hat, beschreibt die Arbeit der Bergleute. Es war zwar ein harter und schmutziger Job, aber es gab immer ein gutes und sicheres Einkommen.” Einige Arbeiter seien täglich bis zu 15 Kilometer weit zur Arbeit zu Fuß gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren. “Jeden Tag wurden zwölf Stunden lang gearbeitet, auch sonnabends. Es gab keinen Urlaub und anfangs auch keinen Schutzhelm”, sagt der 84-jährige

Unter Tage habe es eine klare Hierarchie gegeben, die mit dem Obersteiger begann, der für den gesamten Schacht verantwortlich war und die Bezahlung pro Tonne Erz, “das Gedinge”, aushandelte – über den Steiger, dem ein Revier mit zehn Hauern unterstand, die wiederum die Schlepper bestimmen durften. 

Am Füllort des Kaiser-Wilhelm-Schachtes: Bergleute schieben die Erzwagen auf den Förderkorb. Um 1920. Foto: © PAZ
Am Füllort des Kaiser-Wilhelm-Schachtes: Bergleute schieben die Erzwagen auf den Förderkorb. Um 1920. Foto: © PAZ
Eine Förderkolonne im Tagebau Adenstedt. Das beim Erzabbau anfallende Kalkgestein wurde mit der Schubkarre abtransportiert und später bei Betonarbeiten oder zur Wegbefestigung genutzt. Foto: © PAZ
Eine Förderkolonne im Tagebau Adenstedt. Das beim Erzabbau anfallende Kalkgestein wurde mit der Schubkarre abtransportiert und später bei Betonarbeiten oder zur Wegbefestigung genutzt. Foto: © PAZ
Blick auf das östliche Tagebauende von Bülten/Osten1 um 1905. Die Arbeit der Bergleute mit Hacke und Schaufel war dort aufgrund des grobstückigen Erzes sehr schwierig. Foto: © PAZ
Blick auf das östliche Tagebauende von Bülten/Osten1 um 1905. Die Arbeit der Bergleute mit Hacke und Schaufel war dort aufgrund des grobstückigen Erzes sehr schwierig. Foto: © PAZ

Schoenfeldt erklärt: Immer zum Schichtwechsel wurde das Dynamit gezündet, danach schlugen die Hauer das Erz aus dem Gestein und die Schlepper brachten das wertvolle Gut zu den Förderkörben.” Die Arbeit sei zwar gefährlich gewesen, doch große Unfälle habe es im Bergbau Bülten-Adenstedt nie gegeben. “Es hat uns immer Spaß gemacht und wir haben uns mit der Ilseder Hütte identifiziert. Das gibt es heute doch gar nicht mehr. Das war uns mehr als nur eine Firma”, betont Schoenfeldt. 

Bezugsquelle: Text und Fotos stammen aus der Peiner Allgemeine Zeitung (PAZ) Serie zur Geschichte der Ilseder Hütte. Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe vom 05. September 2007.