Das Geleucht des Bergmannes

von Arno Schulz 

Seit über 100 Jahren fahren Tag für Tag im Kreise Peine Hunderte von Bergleuten in die Tiefe um beim Schein ihrer Grubenlampen Eisenerz – und in den zwanziger Jahren auch Kalisalz – an das Tageslicht zu fördern. Die Grubenlampe ist für den Bergmann der wichtigste Ausrüstungsgegenstand, da Untertage ohne Licht keine Arbeit verrichtet werden kann. 

Das Wort “Geleucht” stammt aus der deutschen Bergmannssprache. Wie unter den Begriffen Gebirge eine Anzahl von Bergen und unter Geschrei eine Menge von einzelnen Schreien zu verstehen sind, so dient auch in dem Wort Geleucht die Vorsilbe “Ge” zur Bildung eines Sammelnamens für die verschiedenartigen Hilfsmittel zur Erhellung der Grubenräume. Man unterscheidet tragbares und feststehendes Geleucht, das erstere führt jeder Bergmann in der Grube mit sich, das zweite dient zur Beleuchtung der Tagebaue und größerer Räume im Tiefbau, beispielsweise der Füllörter, der Querschläge und der unterirdischen Maschinenräume. Es soll hier nicht die Geschichte des Grubengeleuchtes von den Anfängen des Bergbaues-mit einem Kiemspan fuhr der erste Bergmann in die Grube-bis in die Gegenwart niedergeschrieben werden, sondern die Entwicklung des Grubengeleuchtes der letzten 110 Jahre im Peiner Raum, wo am 12. September 1860 in Groß Ilsede der erste Hochofen mit Bültener Eisenerzen angeblasen wurde. 

In dem Jahresbericht der Grube Bülten von 1896 an das Königliche Bergamt heißt es wörtlich: “Die Beleuchtung der Gruben mit elektrischem Licht, welche im Februar 1896 erfolgte, bedeutet für den ganzen Grubenbetrieb einen erfreulichen Fortschritt. Der Hauptvorteil für denselben liegt darin, daß an den dunklen Winterabenden das Arbeiten oben auf den Strossen ermöglicht ist, welches bei der früheren Petroleumbeleuchtung zu gefährlich und daher verboten war. Die von einer Dampfmaschine angetriebene Wechselstrommaschine erzeugte eine Spannung von 5000 Volt und war auf der Hütte in Groß Ilsede aufgestellt, da auch das Peiner Walzwerk mit elektrischem Strom versorgt wurde. Transformatoren reduzierten die Hochspannung auf 80 Volt. 1896 waren in den Tagebauen der Grube Bülten bereits 38 Diferential-Bogenlampen (31 Volt, 15 Ampere) in Betrieb. Bülten war also in Deutschland eine der ersten Gruben, die mit elektrischem Licht ausgeleuchtet wurden. Erinnern wir uns, daß Edison erst 1879 die erste Glühfadenlampe entwickelte und daß 1882 im Unions-Club in Berlin die ersten Glühlampen in Deutschland brannten. Die Stadt Peine erhielt erst 1916 elektrische Stromversorgung. 

Frosch-Lampe - erste Lampe im Tiefbau

Auf der Grube Bülten wurde 1870 der erste Wasserhaltungsschacht “Karl” abgeteuft und 1872 kam bereits die erste Förderung aus dem Tiefbau. Da im hiesigen Eisenerzbergbau kein Grubengas und damit die vom Kohlenbergmann so sehr gefürchtete Schlagwetterexplosionen nicht auftreten, konnte der Bültener Bergmann mit einem offenen Grubengeleucht, einer Öllampe, anfahren. Diese Öllampen wurden nach ihrer Herkunft als “Westfälische Lampe” und als “Harzer Lampe” genannt und ihrer Form wegen als “Froschlampe” bezeichnet. Die Ölfrösche mußten alle zwei Stunden aus der mitgebrachten Flasche mit einer Mischung aus halb Ruböl, halb Steinöl (Petroleum) aufgefüllt werden. Mit einem an einer Kette befestigten Eisendraht konnte der verrußte Docht gereinigt werden. An einem Bügel befand sich ein beweglicher Haken, der zur Aufhängung der Lampe am Grubenholz oder am Erzstoß diente. Viel Licht gaben die Öllampen nicht her, Abhilfe schafften die Karbid-Lampen. Die Leuchtkraft ist viermal so groß wie die einer gewöhnlichen Öllampe. 

Oel Lampen aus dem vorigen Jahrhundert. Wegen ihrer Form wurden diese Lampen "Frösche" genannt.
Oel Lampen aus dem vorigen Jahrhundert. Wegen ihrer Form wurden diese Lampen "Frösche" genannt.
Karbidlampen: Mannschaftslampe-Besucherlampe-Seilfahrtslampe
Karbidlampen: Mannschaftslampe-Besucherlampe-Seilfahrtslampe
Tragbares elektrisches Grubengeleucht: Seilfahrtslampe-Grubenwehr Handlampe-Sprengstofftransportlampe
Tragbares elektrisches Grubengeleucht: Seilfahrtslampe-Grubenwehr Handlampe-Sprengstofftransportlampe
Ab 1963 tragen die Bergleute im Eisenerzbergbau elektrische Kopflampen
Ab 1963 tragen die Bergleute im Eisenerzbergbau elektrische Kopflampen

Die Karbid-Lampe von 1908 bis 1963

Ältere Leser werden sich erinnern, daß in den zwanziger Jahren und dreißiger Jahren die Karbidlampe – oder nach dem erzeugten Gas Azetylenlampe genannt – die Beleuchtung des Fahrrades war und sie werden noch mit dem Umgang vertraut sein. Azetylen ist ein aus der Einwirkung von Wasser auf Kalcium-Karbid unter Wärmeentwicklung entstehendes brennbares Gas. Die Karbidlampe bestand also aus einem Wassertopf, wobei mittels einer Feinregulierschraube der Wasserzufluß dosiert werden konnte und einem darunter befindlichen Behälter, der das Karbid aufnahm und als Gasentwicklungsraum diente. An dem Behälter war ein Brenner mit zwei feinen Düsen angebracht. 

Karbid wurde zuerst 1862 von dem deutschen Chemiker Wöhler aus Kalk und Kohle hergestellt, die industrielle Produktion folgte Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Um 1900 wurden die ersten Karbidlampen im Bergbau versuchsweise eingesetzt. Über den Bergbau im Kreise Peine gibt der Jahresbericht der Grube Bülten von 1912 Auskunft: “Die seit 1908 bestehende Einrichtung, die Bergleute werksseitig mit Azetylengrubenlampen auszurüsten und diese nach eingetretener Unbrauchbarkeit durch neue zu ersetzen, ist dahin erweitert worden, daß auch die Kosten des Brennstoffes vom Werk getragen werden, so daß nunmehr jeder unterirdisch beschäftigte Arbeiter freies Geleucht hat.”

Nach einem Bericht an das Bergrevier-Zellerfeld von 1908 beliefen sich die Kosten für Geleucht an Öl bei zehnstündiger Schichtzeit auf 17,9 Pfennig täglich, während die Kosten des verbrauchten Karbids bei zehnstündiger Brennzeit (o,33 kg) 9,9 Pfennig ausmachten, so daß durch Umstellung eine Ersparnis von 8 Pfennig je Schicht erzielt wurde. Demnach mußte ein Hauer in den ersten Jahren für seine Karbidlampe etwa zwei Drittel eines Schichtlohnes, der 1910 im Durchschnitt 3,87 Mark betrug, für Beleuchtungskosten ausgeben. Um die ab 1912 kostenlose Karbidzuleitung zu regeln, erhielt jeder Tiefbauarbeiter mit seiner Löhnung eine Karbid-Ausgabemarke, für die er seinen Karbid erhielt.

Erst vor zwei Jahren wurden im Magazin Lengede diese ehemaligen Karbidmarken wieder aufgefunden. Die Marken haben 19,1 Milimeter Durchmesser und zeigen auf der Vorderseite die kursiven Buchstaben IHL (Ilseder Hütte Lengede) und auf der Rückseite das bergmännische Zeichen “Schlägel und Eisen.” Die Marken liegen in unterschiedlichen Metallen vor. 1913 wurde mit dem Abteufen des Schachtes “Anna” und dem Auffahren der ersten Strecken vom Tagebau aus begonnen. Die ersten Marken waren in Messing ausgeprägt, während des ersten Weltkrieges wurde das unedle Metall Zink verwand. 

Während die Karbidlampen der Belegschaft aus verzinktem Stahlblech hergestellt waren, trugen die Grubenbeamten Lampen aus Messing. Zur besseren Ausleuchtung der Grubenräume hatten diese Lampen einen Reflektor. Als Sonderform der Karbidlampen gab es solche mit Glaszylinder, die von der Bergbehörde während der Seilfahrt auf dem Förderkorb und als Schlussbeleuchtung bei der Lokförderung vorgeschrieben waren. 

Das elektrische Grubengeleucht

Elektrische Grubenlampen waren bereits Anfang dieses Jahrhunderts für den Kohlenbergbau entwickelt worden. Auf den Eisenerzgruben im Kreis Peine wurden elektrische Handleuchten zuerst in den dreißiger Jahren für die Grubenwehren von Bülten und Lengede eingeführt. In das Gehäuse war ein zweizelliger Nickel-Kadmium-Sammler eingesetzt.

Es war vor 10 Jahren, am 28. Oktober 1963, daß den auf der 100-Meter-Sohle West eingeschlossenen Bergleuten mit der ersten Verpflegungsbombe eine dieser Grubenwehrleuchten über das Versorgungsbohrloch hinuntergeschickt wurde. 

Nach 1946 wurden die Karbid-Seilfahrtslampen gegen elektrische Mannschaftshandlampen ausgetauscht, wie sie zu Tausenden im deutschen Kohlenbergbau eingesetzt waren. Die 5,5 kg schweren Handleuchten bestehen aus einem Unterteil, in dessen Gehäuse der Akkumulator untergebracht ist und dem Oberteil, das die Glühbirne nebst Schutzglas, Schalt- und Trageeinrichtung enthält. Beide Teile werden durch eine Verschraubung miteinander verbunden, die durch einen Magnetstiftverschluß gegen willkürliches Öffnen gesichert wird. Sonderformen mit blauem Licht benutzte man für den Sprengstofftransport. Nach jeder Schicht mußten die elektrischen Lampen an einem Ladegleichrichter wieder aufgeladen werden.

Mit der fortschtreitenden Mechanisierung des Eisenerzbergbaues der damaligen Ilseder Hütte Anfang der sechziger Jahre genügten die Karbitlampen nicht mehr den an sie gestellten Anforderungen. Die Belegschaften der Gruben Bülten und Lengede wurden 1963 mit elektrischen Kopfleuchten ausgerüstet. Bei diesen Kopfleuchten ist der Stromspeicher von der eigentlichen Leuchte getrennt und wird, von einem Leibriemen gehalten, auf dem Rücken getragen.  

Die mit dem Sammlergehäuse durch das ein bis eineinhalb Meter lange Kabel verbundene Lampe wird auf die Vorderseite des Schutzhelmes aufgesteckt. 

Mit dem Weg von der altertümlichen Öllampe bis zur modernen Kopfleuchte wurde ein Zeitraum von über 100 Jahren erfaßt. In einigen Jahren werden die Förderräder im Peiner Raum wegen Auserzung der Gruben stillstehen. Damit das Peiner Grubengeleucht für unsere Nachkommen nicht in Vergessenheit gerät, kann nur die Hoffnung ausgesprochen werden, daß die Grubenlampe des Lengeder Gemeindewappens auch im Wappen der Gesamtgemeinde Lengede wieder leuchten möge. 

Bezugsquelle: Fotos und Text aus dem Peiner Heimatkalender – Ausgabe 04/1974  Autor: Arno Schulz